Wer bezahlt, der diktiert

Stellen Sie sich einmal vor, Sie entwickeln ein neues Produkt. Dieses Produkt steht in dem Verdacht gesundheitsschädlich zu sein. Aufgrund dessen ist die Zulassung zum Markt in Frage gestellt. Die Zulassungsbehörde fordert eine Studie, die belegen soll, dass Ihr Produkt unbedenklich ist. So weit ein ganz normaler Vorgang. Aber wäre es normal, wenn Sie bei „unabhängigen Experten“ eine Studie in Auftrag geben, also auch bezahlen, die „nachweisen“ soll, dass von Ihrem Produkt keine Gefährdung ausgeht? Könnte in dem Fall von einer unabhängigen Beurteilung Ihres Produkts ausgegangen werden? Die meisten von Ihnen würden diese Fragen verneinen. Nicht so die Behörden, die über eine Verlängerung der Zulassung für glyphosathaltige Pestizide zu entscheiden haben.

Wie die Umweltgewerkschaft und andere Umwelt- und Verbraucherverbände schon mehrfach berichtet hatten, steht Glyphosat in dem dringenden Verdacht krebserregend zu sein.1 Zu diesem Ergebnis kam die WHO-Krebsforschungsagentur (IARC) im März 2015. Zu diesem Zeitpunkt wurde über die Verlängerung der Zulassung für glyphosathaltige Pestizide diskutiert. Die Hersteller glyphosathaltiger Produkte standen unter Zugzwang. Was lag also näher, als Gegengutachten in Auftrag zu geben?

In den folgenden Monaten überschwemmten die Agrotech-Konzerne, allen voran Monsanto, die in das Zulassungsverfahren involvierten Behörden. Für die Europäische Union waren das in erster Linie die europäische Lebensmittelbehörde (EFSA) und die europäische Chemikalienagentur (ECHA). Im Juni 2016 verlängerte die EFSA die Zulassung bis Ende 2017. Bis dahin wird ein weiteres Gutachten der Europäischen Agentur für chemische Stoffe (ECHA) erwartet, das wegweisend für weitere Schritte sein soll.2 Die Bundesrepublik hatte sich bei der Entscheidung enthalten, obwohl das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im September 2015 einräumte, dass die Studien der IARC begrenzte Hinweise auf Kanzerogenität (Ein Karzinogen ist eine Substanz, ein Organismus oder eine Strahlung, die Krebs erzeugen oder die Krebserzeugung fördern kann) von glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln erbracht haben.3 Ende diesen Jahres dürfte eine endgültige Entscheidung über die Zulassung in der EU getroffen werden.

Welche Ausmaße die Einflussnahme vom Gentechnik-Riesen Monsanto, aus dessen Portfolio das glyphosathaltige RoundUp stammt, auf die Studien, die die Unbedenklichkeit von Glyphosat bestätigen sollen, erreicht hat, wurde jüngst im Zusammenhang mit einem in den USA anhängigen Gerichtsverfahren bekannt. In dem Prozess vor einem kalifornischen Gericht klagen Betroffene, die am Non-Hodgkin-Lymphorm, einer bösartigen Erkrankung des Lymphsystems leiden. Sie machen Glyphosat und RondUp dafür verantwortlich. Auch sie stützen sich auf das Urteil des IARC.4 In diesem Zusammenhang sind E-Mails an die Öffentlichkeit gelangt, in denen Monsanto-Wissenschaftler sogenannten unabhängigen Wissenschaftlern anbieten, Studien zu Glyphosat als Ghostwriter zu verfassen. Die „unabhängigen“ Wissenschaftler bräuchten die Studien anschließend lediglich editieren und unterschreiben.5 Ein Monsanto-Mitarbeiter gab zu, dass bei einer Studie aus dem Jahr 2000 schon einmal so verfahren wurde. Wie nicht anders zu erwarten war, weist Monsanto  diese Vorwürfe entschieden zurück.

Weitere Brisanz können wir den „Intertek Papers“ zuschreiben. Bei Intertek handelt es sich um ein von Monsanto zwischengeschaltetes Beratungsunternehmen. Die Autoren von Intertek, allesamt Angehörige eines Glyphosat-Expertengremiums, welches von Intertek einberufen wurde, veröffentlichten im Herbst 2016 eine Flut von Übersichtsartikeln in der Fachzeitschrift Toxicology. Ziel der Intertek-Papers ist es die Glyphosat-Bewertung der IARC zu widerlegen.6

Aber damit endet das perfide Spiel von Monsanto noch lange nicht. Im Prozess gibt eine Mitarbeiterin des Gentechnik-Konzerns zu, das Monsanto zwar etliche Studien zu Glyphosat hat erstellen lassen, aber keine explizite Studien zu ihrem Markenprodukt RoundUp.7 Da es sich bei dem Produkt nicht um pures Glyphosat handelt, sondern um ein glyphosathaltiges Gemisch, muss das Anwenderrisiko in großen Teilen anders beurteilt werden. Der Gentechnik-Riese verweist darauf, man müsse die einzelnen Bestandteile von RoundUp betrachten, um zu sehen, dass das Pestizid nicht krebserregend sei. In den gebräuchlichen Glyphosat-Mischungen sind die Bestandteile Polyethoxylated tallowamine (POEA) und das Abbauprodukt Aminomethylphosphonsäure (AMPA) enthalten. Beide Bestandteile sind wesentlich giftiger als Glyphosat selbst. Dem Pflanzengift Roundup werden bis zu 15 Prozent POEA zugesetzt. Das POEA verstärkt zudem die Giftigkeit von Glyphosat. Schon POEA allein kann erwiesenermaßen Krebs auslösen.8

Die US-Umweltbehörde EPA steht ebenfalls unter Verdacht in der Vergangenheit, zu Gunsten von Monsanto, nicht immer unabhängig agiert zu haben. In ihrer 2016 vorgelegten Einschätzung kamen sie zu dem Schluss, dass Glyphosat nicht krebserregend oder erbgutschädigend sei. Dokumente belegen, das der für den Bericht zuständige EPA-Direktor im Vorfeld engen Kontakt zu Monsanto-Mitarbeitern hatte. Zudem wurde bekannt, dass er seine Hilfe zugesagt haben soll, eine geplante Studie des US-Gesundheitsministeriums zu verhindern, die die Gesundheitsgefährdung durch Glyphosat untersuchen sollte. Obwohl Glyphosat auch in den Vereinigten Staaten durchaus umstritten ist, wurde diese Studie nie erstellt. Besonders unglaubwürdig erscheint die Behörde im Zusammenhang mit einem früheren Urteil, indem sie Glyphosat als krebserregend einstuft, welches sie später aber revidiert.9

Brisant ist das Ganze auch aus deutscher Sicht, nicht nur da glyphosathaltige Pestizide nach wie vor in Deutschland verwendet werden dürfen, sondern auch weil der Chemieriese Bayer den US-Konzern Monsanto übernehmen wird.10 In einem Interview, dass ich Anfang des Jahres mit Utz Klages, Pressesprecher der Bayer Crop Science AG, führte, antwortete er auf die Frage, wie die Bayer AG zukünftig  mit den Umstand umgehen wird, dass RoundUp im Verdacht steht krebserregend zu sein: „[...] Zu Glyphosat: Es ist einer der weltweit meist genutzten Pflanzenschutzwirkstoffe; seit 40 Jahren dient er der wirksamen und nachhaltigen Bekämpfung von Unkräutern. Seither haben die Prüfungen internationaler Zulassungsbehörden immer wieder ergeben, dass Glyphosat keinerlei unzumutbares Risiko für die menschliche Gesundheit darstellt. Aus diesem Grund haben alle internationalen Sicherheitsausschüsse und Behörden, die sich in den vergangenen 40 Jahren mit der möglichen krebserregenden Wirkung von Glyphosat befasst haben, Glyphosat als nicht-karzinogen eingestuft. Es gab in Europa Irritationen, nachdem die IARC, eine Untergruppe der Weltgesundheitsorganisation, Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft hat - übrigens genauso wie rotes Fleisch und sehr heiße Getränke. Das liegt daran, dass die IARC das absolute Risiko betrachtet hat. Die Frage ist aber, welche tatsächliche Gefahr unter realistischen Anwendungsbedingungen besteht. Die IARC hat im offiziellen Bewertungsprozess aber keine Rolle.“11 Ich weiß nicht, aber in meinen Augen zeugt es von vehementer Arroganz, den Krebsforschern der WHO eine inkompetente Betrachtungsweise zu unterstellen und ihnen jegliche Kompetenz im Bewertungsprozess abzusprechen.

Wieder einmal wird deutlich, über welche Macht internationale Konzerne verfügen und wie sie diese auch versuchen einzusetzen, um ihre Profite zu maximieren. Und mit glyphosathaltigen Mitteln kann man Geld verdienen. Richtig viel Geld. Verschiedene Umweltorganisationen gehen davon aus, dass das Geschäft im Jahr 2021 die 10 Milliarden-Dollar-Grenze überschreiten wird.12

Die Vielzahl der widersprüchlichen Studien zur Unbedenklichkeit von Glyphosat hat bisher eine einheitliche Zulassungsregelung verhindert. Noch immer wird Glyphosat weltweit angewendet, aller Warnungen zum Trotz. Wie wir schon mehrfach berichtet hatten, gilt in der EU das Vorsorgeprinzip. Das bedeutet nichts anderes, als das der Hersteller beweisen muss, das sein Produkt für Mensch und Umwelt nicht schädlich ist. In der derzeitigen Situation allerdings wird die Beweislast umgekehrt. Im Fall von Glyphosat sind es die Verbraucher- und Umweltschutzverbände, die Beweisen müssen, dass das Mittel gesundheitsschädlich ist. Ein Umstand, der gerade im Hinblick, dass immer mehr Menschen an Krebs erkranken und unsere natürliche Umwelt immer weiter Schaden nimmt, nicht hinnehmbar ist. Deshalb fordern wir von den zuständigen EU-Behörden sowie dem Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung die uneingeschränkte Anerkennung der Studie des IARC, die Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend einstuft und ein Verbot zur Anwendung von glyposathaltigen Produkten. Mit sofortiger Wirkung! Unsere Umwelt und unsere Gesundheit dürfen nicht dem Profitstreben einiger global agierender Konzerne geopfert werden.

Frank Binder - Umweltgewerkschaft

Fußnoten

1. Vgl.: Glyphosat: Gefälschte Studien – Zulassungsschwindel? - Frank Binder – Umweltgewerkschaft - 2015

2. Glyphosat: Kommission verlängert Zulassung bis Ende 2017 – Europäische Kommission – Deutschland – 29.06.2016

3. Hintergrundinformation Nr. 033/2015 – Bundesinstitut für Risikobewertung – 22.09.2015

4. s.a.: Glyphosat: Die Monsanto Mails – Silvia Liebrich – Süddeutsche.de-Wirtschaft – 31.03.2017

5. s.a.: Glyphosat und Krebs: Gekaufte Wissenschaft – Die Tricks von Monsanto und der Beitrag der Behörden um

Glyphosat vor einem Verbot zu retten – Helmut Burtschler-Schaden, Peter Clausing und Claire Robinson –

März 2017 – Hrsg.: GLOBAL 2000 Friends of the Earth Austria

6. Vgl.: ebd.

7. Glyphosat: Die Monsanto Mails – Silvia Liebrich – Süddeutsche.de-Wirtschaft – 31.03.2017

8. Vgl.: Glyphosat: Gefälschte Studien – Zulassungsschwindel? - Frank Binder – Umweltgewerkschaft - 2015

9. s.a.: Glyphosat: Die Monsanto Mails – Silvia Liebrich – Süddeutsche.de-Wirtschaft – 31.03.2017

10. Vgl.: Bayer-Monsanto: Zu Risiken und Nebenwirkungen... - Frank Binder – 05.01.2017 - Umweltgewerkschaft

11. Bayer-Monsanto Interview: „Es ist daher zu früh, auf Einzelheiten einzugehen.“ - Frank Binder – 27.01.2017 - Umweltgewerkschaft

12. Glyphosat und Krebs: Gekaufte Wissenschaft – Die Tricks von Monsanto und der Beitrag der Behörden um Glyphosat vor einem Verbot zu retten – Helmut Burtschler-Schaden, Peter Clausing und Claire Robinson – März 2017 – Hrsg.: GLOBAL 2000 Friends of the Earth Austria