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Liebe Freundinnen und Freunde,

S21 Die Bahn luegtwie schön, Sie alle hier trotz der großen Hitze und mit Abstand und Mund-Nasen-Schutz zu sehen. Zu meiner heutigen Rede hat mich der eindrucksvolle Arte-Dokumentarfilm „Die Erdzerstörer“ von 2019 veranlasst.
Erinnern Sie sich an die Rede von Karlheinz Rößler letzte Woche hier auf dem Platz, bei der er von der drohenden Überflutung von ganz Norddeutschland sprach? Er warnte vor einer Erderwärmung von 4 Grad in den nächsten 80 Jahren und einen dadurch um 40 m steigenden Meeresspiegel.
Lässt sich das noch stoppen? Die Klimatologen sagen uns: Ja – aber nur, wenn wir eine radikale Kehrtwende zu wirksamem Klimaschutz durchsetzen. Wir müssen weiter laut protestieren für die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens und gegen diese unterirdische Politik, die sich bei uns in Stuttgart im grassierenden Tunnelwahn der Stuttgart-21-Unterstützer zeigt.

Ja, die Klima-Katastrophe ist hoffentlich noch abwendbar. Wir haben also allen Grund, auch bei uns in Stuttgart weiter engagiert gegen dieses drohende Szenario zu streiten, für eine Verkehrswende weg vom Auto, gegen einen Tunnelbahnhofs- und Tunnelbauwahn, der Ressourcen verschlingt – nicht nur finanzielle, sondern auch intellektuelle Ressourcen, die wir dringend benötigen, um diesen sozialökologischen Umbau schnell auf den Weg zu bringen. Damit wir hier in Stuttgart unseren Beitrag dazu leisten, dass es bei deutlich unter 2 Grad Erderwärmung bleibt, wie beim Pariser Klimaabkommen 2015 beschlossen.
Das entscheidet sich selbstverständlich nicht nur an Stuttgart 21 und in Stuttgart.
Aber Stuttgart ist die Autostadt und Stuttgart ist die Stadt mit einem über 10 Jahre langen Kampf für einen leistungsfähigen Schienenverkehr – und deshalb kommt unserer Stuttgarter Bewegung und unseren verkehrs- und klimapolitisch Verbündeten wie Fridays For Future große Bedeutung zu.
Wie großartig wäre es, wenn wir gerade in dieser Stadt einen Mensch, Natur und Kultur achtenden Weg entwickeln und auch durchsetzen könnten!
Auf dem Weg aus Corona- und Wirtschaftskrise muss ein „Green New Deal“ durchgesetzt werden - gegen die Herrschenden, die blind an ihrer zerstörerischen Wirtschaftsweise festhalten, an einer Art zu produzieren und die Gesellschaft zu organisieren, die vor allem dem einen Prozent der Bevölkerung nutzt, das über fast die Hälfte allen Reichtums auf der Welt verfügt.
(Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/384680/umfrage/verteilung-des-reichtums-auf-der-welt/)
Es sind klar benennbare Konzerne, ihr Führungspersonal und ihre Wirtschaftsordnung – der Kapitalismus – die uns und die Welt seit über 100 Jahren in diese Klima-Krise gesteuert haben. Die Klima- und Wirtschaftskrise, vor der wir stehen, ist also Resultat von gewollten Weichenstellungen, die sie durchgesetzt haben.
Hitzewellen und extreme Dürre werden wahrscheinlicher. Es wird bereits darüber nachgedacht, den zukünftigen Hitzewellen Namen zu geben, wie jetzt den Hochs und Tiefs – und es gibt da schon ein paar Vorschläge von Prof. Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin: Andi (Scheuer), Peter (Altmaier), Rolf (Martin Schmitz, RWE) und Svenja (Schulze). Uns fielen da noch Roland (Pofalla), Clemens (Tönnies) und Julia (Klöckner) ein.
Und jetzt zu dem großartigen Arte-Dokumentarfilm „Die Erdzerstörer“ von 2019: Dieser Film zeigt an vielen Beispielen auf, wie systematisch und von langer Hand geplant, und nicht so leicht durchschaubar, große Konzerne und Politiker in Machtpositionen ihre finanziellen Interessen durchgesetzt haben – ohne Rücksicht auf Natur und Gemeinwohl.
Den Link zu diesem Film können Sie später bei parkschuetzer.de im heutigen Demo-Video finden oder in der gedruckten Rede: Die Erdzerstörer – Doku – Arte (2019) https://youtu.be/sWlbnNDu6OE
Dass wir heute unwirtliche, vom Autoverkehr demolierte Städte mit krank machender Luft und Lärm haben, ist Resultat von strategisch gelenkten politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen – also keine zufällige Fehlentwicklung, für die wir individuell verantwortlich wären.
Der Film zeigt sehr anschaulich, wie ein Erdöl- und Auto-Konzernkartell in den USA die Automobilisierung der urbanen Zentren planmäßig durchsetzte – zu Lasten des in den USA damals sehr gut ausgebauten öffentlichen Transportes mit Straßenbahnen und Eisenbahnen. Der Schienenverkehr wurde aufgekauft, planmäßig ruiniert und der gesamte Transport und der Städtebau auf Autoverkehr ausgerichtet.
Diese fatalen und klimazerstörerischen Weichen in zentralen Bereichen unseres Lebens, wie in der industriellen Landwirtschaft, der Güterproduktion oder der Mobilität, wurden also durch kapitalistische Verwertungsstrategien gestellt. Bewusst wurde der Weg zu anderen alternativen, nachhaltigen Entwicklungsmöglichkeiten versperrt – und das erleben auch wir hier vor Ort mit Stuttgart 21!
Im Film gab es auch interessante Parallelen zu unseren heutigen sozialökologischen Kämpfen für eine Verkehrswende. Denn damals in den USA musste diese schädliche Weichenstellung erst gegen den Widerstand der Bevölkerung der Städte durchgesetzt werden, die sich ihr Recht nicht nehmen lassen wollte, gefahrlos die öffentlichen Wege zu benutzen. Noch in den 1920er Jahren waren große Demon­stra­tionen gegen den Tod zahlreicher Kinder im motorisierten Straßenverkehr der US-amerikanischen Städte an der Tagesordnung.
Machen wir uns nichts vor: mit unserer Protestbewegung legen wir Davids uns mit den Goliaths an, also mit den wirklich Mächtigen. Was kein Grund ist, mutlos zu werden, denn wir sind nicht alleine, sondern haben hier vor Ort und überall Bündnispartner.
Dass ich damit nicht Querdenken-711-Demos meine, könnt ihr euch vorstellen. Wer Donald Trump, den Schutzpatron aller Umweltzerstörer der USA, für eine Rede einlädt, sieht die Wirkungszusammenhänge offensichtlich nicht, über die ich gesprochen habe und die wir angehen müssen – und erkennt auch nicht das Ausmaß der Bedrohungen durch das Weiterwirtschaften unter kapitalistischen Vorzeichen!
Und wer einfach zurück will zur sogenannten „Normalität vor Corona“, hat nichts verstanden. „Wer will, dass die Welt bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt“, so hat es der wunderbare Dichter Erich Fried ausgedrückt.
Am letzten Wochenende fanden bundesweit dezentral zahlreiche Aktionen gegen Klimazerstörung und Kapitalismus, für Klimagerechtigkeit statt – unter dem Motto #AufstandMitAbstand. Am Samstag wurde zum Beispiel nicht nur der Klimakiller HeidelbergCement blockiert, über den Katja Luft vor einer Woche hier berichtete, sondern auch das Vattenfall-Kohlekraftwerk in Berlin-Moabit. Auch die Shell-Raffinerie bei Köln wurde blockiert mit Straßenblockaden und mit einer Hafenblockade durch eine Kajakaktion.
Täglich gibt es Aktionen gegen Rodungsarbeiten für den Bau der A49 in Hessen im Dannenröder Wald sowie der Baumbesetzer*innen, die vor Kiel gegen den Ausbau der A21 demonstrieren. Täglich gibt es Aktionen gegen den Braunkohletagebau in Garzweiler.
Die Aktivist*innen nehmen die Coronakrise ernst, daher fanden alle Aktionen unter Beachtung des Infektionsschutzes statt.
Und auch hier in Stuttgart kämpfen wir zusammen mit den vielen klugen, engagierten Menschen, wie der Schutzgemeinschaft Filder, mit der Ortsgruppe von Fridays For Future, mit Robin Wood, Attac, mit den Anstiftern um Peter Grohmann, mit der Deutschen Umwelthilfe und vielen, jetzt hier aus Zeitgründen nicht aufgeführten Initiativen. Damit es kein einfaches Zurück zu den Zuständen vor Corona gibt, sondern einen „Green New Deal“, der nicht länger Kapitalvermehrung und Reichtumskonzentration beim obersten 1% in den Mittelpunkt aller Politik stellt, sondern Klimaschutz – sozial‑, menschen- und naturgerecht!
Das ist keine Utopie, sondern möglich – wir haben in den letzten Monaten selbst hautnah erlebt, wie schnell große Veränderungen möglich sind. Das war auch bei allen großen gesellschaftlichen Umbrüchen in der Geschichte so:
Zum Beispiel bei Roosevelts New Deal nach dem „Black Monday 1929“.
Und 1968: noch wenige Tag vor den Generalstreiks und Revolten der Studierenden im Pariser Mai 1968 hatte die Presse (Le Monde) über eine langweilige, nur am Amüsement interessierte Jugend lamentiert.
Und auch wenn Corona die Jugend-Massenbewegung Fridays For Future vorläufig erst mal dezimiert hat: wer hätte damit gerechnet, wie dynamisch sie sich entwickelt und die politische Agenda beeinflusst?
Solche kleinen historischen Rückblicke schärfen den Blick auf heute und zeigen, dass wir mit unserem Protest gegen Stuttgart 21 und gegen die Erdzerstörer weder alleine noch auf verlorenem Posten stehen.
Mir machen sie Mut. Zum Durchhalten. Zum Dran- und Aktiv-Bleiben!
Das wünsche ich Ihnen und uns gemeinsam auch, nicht nur Fridays, sondern auch Mondays For Future!
Oben Bleiben!

 

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