Protest-Delegation der Umweltgewerkschaft in Katowice/Polen zur Weltklimakonferenz-2018 (COP24)

Tagesbericht 9 (mit Bildern),   10.12.2018

 

Umweltkampf in Polen, nicht einfach, aber auch nicht verhinderbar....

Heute haben wir uns lange mit Pawel, einem Naturschützer unterhalten, der seit 4 Jahren für den Erhalt des Białowieża-Urwalds eintritt. Er interessierte sich sehr für die Umweltbewegung in Deutschland. Vom Hambacher-Wald und den dortigen Protesten hatte er gehört und war selbst bereits in der Lausitz bei Aktionen von „Ende-Gelände“.

Er hatte viele Fragen. Von der Bewegung gegen das unsinnige Großprojekt „Stuttgart21“ und der brutalen Unterdrückung der dortigen Baum- und Parkschützer hatte er nie gehört. Dass nun in Baden-Württemberg dieser Naturfrevel, der dazu den Fern- wie Nahverkehr zerstört, unter einer von GRÜNEN geführten Landesregierung läuft, war ihm zunächst unvorstellbar. Für die polnischen Naturschutzaktivisten ist die ökologische Entwicklung in Deutschland vorbildlich. In Polen waren GRÜNE noch nie im Parlament.

Wir vertraten, dass die Fortschritte in Umweltfragen in Deutschland von breiten Massenbewegungen mühsam erkämpft wurden. Nur wenn die Masse der Menschen entschlossen in die Auseinandersetzung geht, geht es vorwärts. Das Projekt der GRÜNEN-Partei ist Anfang der 1980er-Jahre aus einer breiten linken Bewegung hervorgegangen. Die GRÜNEN sind Nutznießer eines gewachsenen Umweltbewußtsein, haben aber längst ihre Unschuld verloren.

Pawel versteht sich nicht nur als Naturschützer, sondern auch als Sozialist. Er denkt die Solidarnosc-Gewerkschaft und die daraus entstandenen politischen Parteien, haben viel kaputt gemacht in Polen. Solidarnosc hätte sich in 2 wesentliche Richtungen gespalten. Die eine, die er als „liberal-kapitalistisch“ und „konservativ“ einstuft und mit Lech Walesa personell verband, hat sehr stark soziale Besitzstände angegriffen. Sie hätten das Rentenalter für Männer und Frauen auf 67 Jahre angehoben und viele unpopuläre Entscheidungen getroffen. Die andere Richtung, die Pawel als, „rechtsradikal“ und katholisch-nationalistisch“, sowie „extrem antikommunistisch“ einstuft, hätte versprochen das rückgängig zu machen. Sie haben bei den Wahlen 2015 über 37% der Stimmen bekommen. Durch das Wahlrecht haben sie nun eine absolute Mehrheit der Sitze in beiden Kammern (Sejm und Senat) erreicht. So kann in Polen diese PIS erstmals nach 1991 ohne Koalition allein regieren.

Pawel erzählte sehr ausführlich und verständlich über die gesellschaftlichen Widersprüche in Polen. Wir fragten immer wieder nach den Auswirkungen auf die Umweltbewegung. Pawel meint, wer das verstehen will, muss die Hauptrichtungen der neueren polnischen Geschichte kennen.

Wir kamen dann zum Thema „Naturschutz zum Erhalt des Białowieża-Urwald“, für den er sich schwerpunktmäßig einsetzt. Das Gebiet gehört zu den Regionen in denen PIS die meiste Unterstützung hat. Gemeinsam mit der Holzarbeitergewerkschaft hat der PIS-Umweltminister ein lange gültiges Moratorium gegen das Fällen von Bäumen aufgehoben. Es wurde 2015 begonnen im Białowieża-Urwald Bäume zu fällen. Da lebte der Widerstand in ganz Polen auf. Es geht nicht nur um die Natur. Der Białowieża-Urwald mit seinen Wisenten, sei auch nationales Symbol für polnische Kultur. In Meinungsumfragen waren 80% für den Erhalt des Urwalds.

Die PIS-Regierung habe zwar große Unterstützung im Volk, weil die das Renteneintrittsalter wirklich wieder herabgesetzt haben, auf 60 Jahre für Frauen und 65 für Männer. Die PIS habe versucht die Naturschützer als kommunistisch gesteuert darzustellen. Das hat aber nichts genutzt. Sie beschuldigen alle als Kommunisten, die sich nicht der Regierung unterwerfen.

Der Białowieża-Urwald gilt als letzter Tiefland-Urwald Europas. Seit dem Mittelalter ist er geschützt, weil verschiedenste Adlige dort ihr privilegiertes Jagdrevier haben wollten. Es gibt 12.000 Tierarten. Die Wisente, die europäischen Bison s wurden wieder angesiedelt aus Zoos, nachdem sie vor 100 Jahren fast ausgerottet waren. Der polnische Teil des Białowieża-Urwald ist, obwohl UNESCO-Weltkulturerbe, nur zu einem Teil streng geschützt. Erst nach der Befreiung von der faschistischen deutschen Besatzung 1945 gelang es diesen Schutzbereich zu stärken. Immer wieder hatten ausländische Konzerne Bäume herausgeschlagen.

Der PIS-Umweltminister Jan Szyszko hat die polnischen Naturschützer herausgefordert und es ist großer Schaden an dem Urwald angerichtet wurden. Dagegen hat sich ein Aktionsbündnis gegründet. Der im direkten Widerstand befindliche Teil der Aktivisten ist zwar überschaubar, mit einigen Hundert Menschen. Aber im ganzen Land haben sich Unterstützergruppen gebildet. 2016 schließen sich die Naturschutz-Organisationen zusammen in die Aktionseinheit „Obóz dla Puszczy“ (Urwaldcamp). Es beginnen massive Proteste mit Infoaktionen, Internetpetitionen, Unterschriftenlisten, Infostände in allen größeren Städten und Demonstrationen. Es werden europaweit Unterschriften gesammelt.

Im Camp selbst, bekommen sie von Biobauern ständige Unterstützung mit Gemüse und Essen. Es dauerte von Mai bis September. Viel Geld zur Finanzierung kam durch spontane Spenden. Das reichte leicht für mehr als 200 Leute, die im Camp ständig Aktionen machten. Sie haben Bäume bestiegen und Holzfällmaschinen blockiert. Noch nie gab es aus der polnischen Gesellschaft soviel breite Unterstützung für eine Naturschutzaktion. Es gab auch einen Tag mit einer Aktion mit 1000 Menschen im Urwald. In Katowice seien bei einer Demo zwar nur 200 Menschen auf die Straße gegangen. Vorher passierte jedoch hier für Natur- und Umweltfragen gar nichts. Erst die Demo zur COP24 am Wochenende war nochmal größer.

Wichtig war die neue Bereitschaft Umweltfragen in Polen aufzugreifen. Der PIS-Umweltminister mußte dann im Januar 2018 gehen. Der europäische Gerichtshof hat verfügt, dass die Rodung vorerst gestoppt werden muss. Die Waldschützer seien aber weiter vor Ort um das Rodungsverbot zu kontrollieren.

Wir wollen uns diese Woche nochmal mit Pawel treffen. Seine Bewunderung für die deutsche Umweltbewegung betrifft die gute Organisationsarbeit. Da will er noch mehr von uns erfahren. Morgen fahren wir erstmal ins benachbarte Auschwitz und besuchen die KZ-Gedenkstätte. Über diese besondere Vergewaltigung von Mensch und Natur wollen wir morgen berichten.

Weil wir heute keine Bilder machten, senden wir nochmal das Haus mit unserem Lieblings-Wandgemälde, nun wirklich vollendet, und einem Bilderrätsel.

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181210 COP24 Wisent von Urwald bielowiza internet Bild

181210 COP24 KSV Wandgemaelde

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